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Eine marokkanische Kettenreaktion – Madame Régine aux Maroc

Akrich - unweit von Marrakesch
Akrich - unweit von Marrakesch

"Also", fragte ich Klaus am 1.10.2005, "was liebst Du so sehr an Marrakech?" Klaus war glücklich, seine Geschichte zum Besten zu geben. Er war ursprünglich aus Deutschland und ein Zufall hatte ihn nach Marrakech verschlagen. Bereits den ganzen Abend, während wir im Akrich, einem schmucken Hotel etwas außerhalb von Marrakech rings um runde Tische mitten in der Einöde unter prachtvollen Sternenhimmel gemeinsam mit Marokkanern ein Lamm verspeisten, hatte er wundersame Episoden zu erzählen. Er fuchtelte dabei mit seinen mit schwerem orientalischem Silber behängten Händen und blitze einen schelmisch mit seinen hier so selten stahlblauen Augen an.

"Weißt Du", antwortete er, "das kann ich nur anhand einer Story erzählen, die mir selbst wiederfahren ist, als ich noch nicht all zu lange in Marrakech weilte. Ich ging durch die rosaroten, staubigen Gassen, nahe der Kasbah, den Saadinischen Gräbern, wo sich viele, viele Touristen unter Einheimische mischen. Es war später Vormittag; die Straßen daher schon voller Menschen, Mopeds und Eselkarren. Ich schlenderte ohne Hast durch das bunte Treiben, als ich plötzlich einen wahnsinnig gewordenen Mopedfahrer erspähte, der viel zu schnell durch eine der Gassen auf das kleine Eckchen, in dem ich auch gerade stand, zusteuerte.

Er fuhr mit einem höllischen Tempo und ich dachte noch: "Du lieber Himmel!", als plötzlich zwei weißhäutige, wohlgenährte Mitteleuropäerinnen, blondhaarig, beide in viel zu kurzen Röcken (es mussten wohl Engländerinnen gewesen sein!) seinen Weg kreuzten. Der Marokkaner, an den Anblick von fetten (ja!) weißen (nein!) Schenkeln nicht gewöhnt, dem Anblick dennoch nicht abgeneigt, renkte sich den Hals aus, um sie näher zu betrachten, dachte aber nicht daran, sein Tempo zu drosseln.

Mit vollem Karacho krachte er daraufhin in einen Holzkarren, den ein alter Mann hinter sich herzog. Dieser ließ zeitgleich die Griffe seines Karrens los und die transportierten Strohballen flogen meterhoch durch die Luft. Mitten in die Menschenmenge hinein! Lautes Schreien und Herumgehüpfe, einige Strohballen dürften getroffen haben.

Ein anderer Marokkaner, der äußerst träge einen etwa 2 Meter langen Holzbalken auf seinen Schultern balancierte, erschrak, fuhr herum, und traf einen anderen Mann mit seinem Balken am Kopf, der seinerseits ein ohrenbetäubendes Gezeter losließ.  Da der Balkenträger noch immer träge nichts ahnend, was er angerichtet hatte, nun umher blickte, traf er gleich noch weitere Passanten mit seinem Balken (selig, die nicht-Wissenden), und das ganze Spektakel ergab zu guter Letzt ein paar Verletzte, vom Strohballen getroffen oder vom Balken erschlagen war nicht mehr zu differenzieren. Die Polizei eilte herbei, ta-tü-ta-ta, vielleicht könne man ja fette Strafen abkassieren (oder Schenkel).

Aber genau jene blassen Schenkel, die der beiden blassen Mitteleuropäerinnen, hatten ja gar nicht mitbekommen, dass sie der Anlass des kollektiven Unfalles waren. Mittlerweile schlug auch der Mann, der den Karren gelenkt hatte auf den Mopedfahrer ein, dem wiederum ein Caféhausbesitzer zu Hilfe kam, der Esel wieherte und die Touristen machten eifrig ihre Fotos.

"So!" sagte, Klaus, das ist die Geschichte… "Wäre der Mopedfahrer nicht mit seinem höllischem Tempo die Gasse hinunter gesaust, in der ich friedlich spazierte, wäre nichts passiert und ich säße vielleicht immer noch in Deutschland anstatt in der marokkanischen Einöde, würde jetzt nicht Lamm sondern Frikadellen essen. Eine ganz normale marokkanische Kettenreaktion eben."

Das ist es, was das Leben so lebenswert macht. Wir wissen nicht, was morgen passiert und was übermorgen daraus entsteht. Ich war 2005 im Akrich, und letzte Woche wieder, und es war toll, toll, toll! Vielleicht halten wir nächstes Jahr eine Urlaubswoche mit meinem bewährten Yoga und Mentaltraining Programm dort ab. Auf dem wunderschönen Flachdach, mit Blick auf den Hohen Atlas und in die Medina von Marrakech, aber abseits des Trubels der Touristenmassen. Man weiß es nicht. Hängt von den weiteren, so spannenden Kettenreaktionen des Lebens ab.

A prochaine fois!
In Shah Allah!

Regina

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